Всё о культуре исторической памяти в России и за рубежом

Человек в истории.
Россия — ХХ век

«Историческое сознание и гражданская ответственность — это две стороны одной медали, имя которой – гражданское самосознание, охватывающее прошлое и настоящее, связывающее их в единое целое». Арсений Рогинский
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7 декабря 2011

Maxim Stolbovski, Vassilij Chruzki. Im Wartesaal des Todes (Matveev Kurgan zwischen 1941 und 1943)

Maxim Stolbovski, Vassilij Chruzki

Kreis Rostov, Siedlung Matveev Kurgan, 10. Klasse

Wissenschaftliche Betreuerin: O.I.Stolbovskaja

 

Im Wartesaal des Todes

(Matveev Kurgan zwischen 1941 und 1943)

Als unsere Geschichtslehrerin den Vorschlag machte, dass wir an diesem Wettbewerb teilnehmen sollten, beschlossen wir, uns mit dem Krieg zu beschäftigen. Am Beginn schien es uns, als ob wir nichts Neues herausfinden würden und unsere Arbeit nicht über ein übliches Schulreferat hinausgehen könnte. Je tiefer wir aber in die Ereignisse eindrangen, die dort vor sich gegangen sind, wo wir leben, um so mehr fühlten wir, wie sehr sie auch mit uns zu tun haben.

Es sind nur mehr sehr wenige Menschen da, die jene schrecklichen Jahre – die Jahre des Krieges — erlebt haben und damals älter waren als 18 Jahre. Wir lernten alte Menschen näher kennen, an denen wir früher einfach vorbei gegangen sind, manchmal sogar ohne sie zu grüßen. Wir studierten die Familienarchive und befragten die Verwandten und Nachbarn. Wir arbeiteten auch im Bezirksarchiv. Die Geschichte der Siedlung wurde zu unserer eigenen Geschichte.

Am schwierigsten war es, Zeitzeugen zu finden. Wir mussten auch erfahren, dass nicht alle Zeitzeugen bereit waren, ihre Erinnerungen mit uns zu teilen. Einige sagten, dass wir die ganze Wahrheit über den Krieg lieber nicht wissen sollten, andere fürchteten die Folgen ihrer Ehrlichkeit und dann waren da noch die, die einfach sehr krank waren.  Viele aber haben geradezu auf uns gewartet. Oder besser, auf Leute, die die ganze Wahrheit über den Krieg erfahren wollten und mit denen sie ihre Erinnerungen teilen konnten. Diese Leute sagten uns: „Warum seid ihr nicht schon früher gekommen?“ „Jetzt kann ich ruhig sterben, nachdem ich alles erzählt habe, was mir viele Jahre lang keine Ruhe gelassen hat“. Viele von ihnen konnten ihre Aufregung und ihre Tränen nicht zurückhalten. Sie sagten, dass wir die ersten seien, mit denen sie über dieses Thema sprechen. Wir haben die Erinnerungen von 37 Menschen aufgezeichnet, die in den Kriegsjahren in Matveev Kurgan und Umgebung gelebt habenWir sind ihnen allen außerordentlich dankbar für ihre Mitarbeit. Vor allem aber wollen wir Nadeschda Pantschenko, Viktor Moiseevitsch, Ivan Stolbovski, Maria Voloschukova, Nadeschda Salomaschtschenko und Antonina Nizenko danken..

 

Kriegsbeginn. Ereignisse vor dem Einmarsch der Deutschen am 17. Oktober 1941


Matveev Kurgan war vor dem Krieg ein hübsches Bezirkszentrum. Es gab hier zwei Schulen – eine Mittelschule und eine 7-Klassen-Schule – ein Kino, einen großen Getreidespeicher, eine Molkerei und einen Bahnhof. Einige Strassen waren gepflastert. Vor dem Gebäude des Bezirkskomitees stand eine Leninstatue, im Park gab es ein Denkmal für die Gefallenen im Bürgerkrieg und ein Stalindenkmal. In der Mitte des Parks befand sich ein Rosengarten.
Wir stellen uns eine Siedlung vor, in der sich jeder mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt – bis der Krieg kam. Wir baten, dass man uns davon erzählen möge, damit wir erfuhren, wie die Menschen die letzten friedlichen Stunden erlebten, wie die Nachricht vom Kriegsbeginn ihr Leben in zwei Teile riss – in das vor und das während des Krieges.

Der Krieg wurde schnell zur schlimmen Wirklichkeit. Väter, Brüder, Ehemänner mussten in den Krieg ziehen, die Siedlung leerte sich.  311 Personen wurden 1941 in Matveev Kurgan eingezogen.

Dann begann man die deutschen Kolonnisten aus unserem Bezirk auszusiedeln, von denen es vor dem Krieg hier sehr viele gegeben hatte. Man brachte sie mit ihren Familien weg und gab ihnen nur sehr wenig Zeit zum Packen. Sie durften fast nichts mitnehmen, das Vieh mussten sie zurück lassen. Nadeschda Pantschenko, Jahrgang 1924, erinnert sich:

„Es war eine Schande, wie die Rostover Deutschen deportiertt wurden. Ich hatte eine Mitschülerin, die Deutsche war, wir waren befreundet. Sie tat mir leid, aber als ich zum Bahnhof kam, um mich von ihr zu verabschieden, ließ man mich nicht zu ihr. Man trieb sie mit Bajonetten vor sich her, unsere Soldaten brüllten sie an, die Frauen und Kinder weinten und schrieen. Man verlud sie in Viehwaggons, die fest verschlossen wurden und es war ihnen nicht erlaubt, aus den Fensterchen unter dem Dach herauszuschauen.“

Es war unverständlich und schrecklich, denn man hatte sich mit den Kolonnisten gut verstanden und selbst nach Kriegsbeginn hatte niemand hier in unserer Gegend die Hitlerleute mit den hiesigen Deutschen in Verbindung gebracht.
Der Krieg kam näher, die neue Mittelschule wurde zum Spital gemacht. Aus dem Westen, der Ukraine, wurde Vieh durchs Dorf getrieben. Bald begannen auch unsere Kolchosleute ihr Vieh gegen Osten zu treiben. Das Vieh war schlecht ernährt, unruhig, es brüllte und die Staubwolken standen bis zum Himmel. Die Leute fuhren auf Fuhrwerken oder gingen zu Fuß in die Evakuierung.

Die Kinder gingen nicht mehr zur Schule, sie arbeiteten für die Front. Die jüngeren Schulkinder brachten die Ernte ein, die älteren schickte man Schützengräben ausheben. Alle arbeiteten sehr verantwortungsbewusst und hofften, der Front zu helfen.

Ende August begannen die Faschisten die Siedlung und den Bahnhof zu bombardieren. Zuerst wussten die Leute nicht, wie sie sich bei einem Bombenangriff benehmen sollten. Lidia Schatalova, Jahrgang 1937, erinnert sich:

„Als sie bombardierten, wussten wir am Anfang nicht, was das ist und der Bruder und ich riefen der Mutter zu: „Die Gürckchen fliegen!“ (also die Bomben), der ganze Himmel war voll.“

Evdokia Grebenjuk, Jahrgang 1935, erzählt, dass

„man bei den ersten Bombenangriffen noch nicht wusste, was man tun sollte, denn sie kamen fast immer überraschend. Die Bombe fiel in den Hof, im Zimmer aber badete die Mutter gerade die Schwester Valja, die erst 3 Jahre alt war. Das Glas flog aus den Fenstern, ein Stück Glas flog so, dass wir dachten, es würde Valja in die Hälfte schneiden. Gott sie Dank blieb sie am Leben und hatte nur ein paar Kratzer.“

Die Leute suchten in den Kellern Zuflucht, hoben Gruben in den Gemüsegärten aus.  (Diese Gruben waren einen halben Meter breit und tief, wie ein Mensch groß ist). Wenn die Bombe in der Nähe explodierte war eine solche Zuflucht wie ein Grab. Auch der Keller konnte zum Grab werden, wenn es einen direkten Treffer gab. Als sicherster Unterschlupf stellte sich das so genannte „Rohr“ heraus – die Unterführung unter der Eisenbahn am Dorfrand. Maria Voloschukova erinnert sich:

„Wenn wir die Flugzeuge hörten schrie die Mutter: „Schnell, zum Rohr!“ und wir rannten dorthin. Im Rohr blieb ich ganz am Rand, denn es hatten sich schon viele Leute aus dem Bahnhof dorthin geflüchtet, Zivilisten und Soldaten. Irgendwie rutschte ich noch hinein. Irgendein Militär brüllte: „Setz dich hin!“, damit mich die Druckwelle nicht tötete. Wir sitzen in der Stille, dann Motorenlärm, ein Pfeifen… Wir warten, trifft es uns, oder geht’s vorbei… Irgendwer sagte in der Stille vor der Explosion: „Wir sitzen hier  im Wartesaal des Todes!“.

Nach dem Gespräch mit Maria Voloschukova gingen wir zum Rohr. Wir hatten diese Unterführung oft benutzt, wenn wir zu Klassenkameraden auf Besuch gingen, die hinter der Eisenbahn wohnten. Jetzt aber betrachteten wir  das mit anderen Augen. Wie entsetzlich ist es  jeden Augenblick den Tod zu erwarten. Dieser „Wartesaal des Todes“ hinterließ einen tiefen Eindruck. Und so mussten unsere Landsleute nicht nur einen Monat leben sondern bis zum Oktober 1943, als die Front nach Westen rückte und nie mehr ins Dorf zurückkehrte.

Die Zeitzeugen erzählen, dass sie in den Jahren 1941-1942 fast keine sowjetischen Flugzeuge sahen. Die Deutschen dagegen flogen in großen Gruppen, einige Dutzend Flugzeuge gemeinsam, schwarz, schrecklich – am helllichten Tag. Sie flogen tief, ohne Angst vor unserer Abwehr.  Die Leute konnten nur noch beten.  „Gott sei Dank, die Nacht ist vorbei und wir sind noch heil!“, sagten sie, und krochen aus den Gräben hinter dem Dorf.

Sehr bald erkannten die Bewohner von Kurgan, dass sie ohne Machthaber geblieben waren. Alle Büros waren leer, die Chefs hatten sich irgendwohin zurückgezogen. Die Geschäfte blieben geschlossen, man konnte kein Brot kaufen. Am Bahnhof von Matveev Kurgan brannte ein helles Feuer.

In den Erzählungen schien uns jener Augenblick besonders interessant, an dem die Leute begriffen, dass eine führungslose Zeit begonnen hatte, die ungefähr eine Woche dauerte. Es gab weder Polizei noch das Bezirkskomittee, niemanden, der einen bestrafen konnte. Die Leute gingen in die Kolchose und holten sich alles, was dort zurück geblieben war: die Sämaschinen, die Schlitten, die Pferde und die Kühe. Auch aus den Geschäften und Apotheken holten sie sich alles, Vorräte für die Zukunft. Sie wussten schon, dass sie von den Deutschen nichts Gutes zu erwarten hatten, aber auch von den eigenen Leuten erwarteten sie sich Nichts. Die einfachen Leute hatten das Gefühl, verlassen worden zu sein und von niemandem gebraucht zu werden.

Man darf diese Leute nicht verurteilen, die die schlimmen Zeiten vor der Okkupation mit dem Beschuss und den Bombardements erlebt hatten, die Tag und Nacht nicht aufhörten. Die Leute versuchten, ihre Zukunft irgendwie zu sichern, sich vor dem Hunger zu schützen. Einige aber gingen nicht dorthin, bei einigen war die Hemmschwelle doch sehr hoch, fremdes Eigentum anzurühren.

 

Erste Okkupation. 17 Oktober bis 4. Dezember 1941

„Mitte des Monates gelang es der 1. Panzerdivision des Feindes zur Mündung des Flusses Mius vorzudringen und am 17. Oktober auch Taganrog zu besetzen“Geschichte des Bezirkes Don (Redaktion V.I.Kusnezova.) Rostov am Don, Rostover Verlag 1971..

.  Am selben Tag besetzten die Deutschen auch Matveev Kurgan, das unsere Einheiten kampflos aufgegeben hatten, weil sie nicht in einen Kessel geraten wollten. Die Deutschen kamen von zwei Seiten in die Siedlung, von Norden und von Süden.

Fast alle erinnern sich daran, wie sie zum ersten Mal einen Deutschen sahen, sogar die, die damals ganz klein waren. Nadeschda Pantschenko zum Beispiel erinnert sich:

„Ich hab die Deutschen zum ersten Mal am 17. Oktober 1941 gesehen. Meine Schwester Maria und ich gingen um Getreide und sahen die Deutschen in einem Auto. Ich bin sehr erschrocken. Im Radio hatten sie ja gesagt, dass sie alle sofort umbringen und die Mädchen vergewaltigen würden. Ich rannte nach Hause und versteckte mich auf dem Dachboden. Die Mutter schrie: „Was hast du dir da ausgedacht, komm herunter!“ Im Hof aber waren schon Deutsche – Offiziere, schlank und sauber, nicht so, wie unsere Soldaten, die alle müde und staubig aussahen“.

Aus den Erinnerungen von Antonina Nizenko:

„Wir hatten einen Gemüsegarten und wir schnitten dort mit der Mutter Kraut. Plötzlich hören wir Panzer dröhnen. Wir ließen das Kraut sein und rannten nach Hause. Zu Hause aber ist der ganze Hof schon voller Deutscher, die Speck und Eier verlangen. Die Großmutter sagt zu ihnen, dass wir nichts haben, aber die Mutter sagt: „Gib´s ihnen, damit sie uns in Ruhe lassen!“

Ivan Stolbovski, Jahrgang 1932, erinnert sich:

„Die Deutschen kamen auf schweren schwarzen Motorrädern. Die Motorräder waren in Taganrog hergestellt und die schickten sie nach Deutschland. Mein Bruder Stepan, der in jener Fabrik arbeitete, träumte von einem solchen Motorrad. Unsere hatten ja überhaupt keine Fahrzeuge, die Deutschen aber saßen alle am Steuer, sogar die Infanteristen. Wir hatten ihnen vor dem Krieg vieles geliefert, Industrieprodukte, auch diese Motorräder.“

Die Deutschen besetzten die besten Häuser, vertrieben die Bewohner in die Schuppen, nur im besten Fall überließen sie ihnen die Küche zum Wohnen. Die Einheiten, die kamen, waren aus dem Hinterland. Nadeschda Pantschenko erinnert sich:

„Die Deutschen benahmen sich sehr schlecht, wie Eroberer eben. Die Russen nannten sie: „Russisch Schwein“ (Deutsch im Originaltext A.d.Ü.), auf Frauen und Kinder nahmen sie keine Rücksicht. Mitten im Rosengarten, in unserem Park, bauten sie eine Toilette. Sie stellten ungefähr einen Meter hohe Mauern auf und gruben eine Grube. Sie bauten diese Toilette bewusst an der schönsten Stelle der Siedlung, um die Bewohner zu demütigen und zu zeigen, wer hier der Herr ist.“

Aus der Erzählung von Viktor Moiseenko:

„Den Kindern wurde befohlen, die Schulbücher in das ehemalige Haus der Staatsbank zu bringen. Dort saßen die Lehrer und die älteren Schüler und rissen jene Seiten heraus, auf denen die Sowjetmacht erwähnt wurde.“

Jede Erinnerung an die UdSSR sollte ausgemerzt werden.

Die Bevölkerung wurde jetzt auch systematisch ausgeraubt. Alles Wertvolle wurde weggenommen. Nicht nur die organisierten Kommandos, sondern auch die einzelnen Soldaten raubten die Bewohner aus. Alle Zeitzeugen erinnern sich, wie die Deutschen von einem Haus zum anderen gingen und sich holten, was ihnen gefiel. Aus den Aufzeichnungen von Antonina Schelkovnikova:

„Die Deutschen benahmen sich schrecklich, sie kamen mit vorgehaltenen Maschinenpistolen ins Haus: „Partisan, Kommunist?“. Sie gehen in jedes Zimmer, klopfen die Wände ab, wühlen in den Truhen herum, suchen nach den besten Kleidern  und wenn einer etwas findet, steckt er es schweigend in einen Sack und schleppts dann hinaus zum Auto oder zum Motorrad.“

Es drohte der Hunger. Valentina Kovaljova, Jahrgang 1934, erinnert sich:
„Die Deutschen kommen und verlangen Hühner und Eier. Die Mutter aber sagt zu uns: „Kinder, weint!“ und wir weinen – manchmal gingen die Deutschen dann weg“.

Eine Kommandantur wurde eingerichtet, auf der die nazistische Fahne wehte. Elena Beloschenko, Jahrgang 1928, erinnert sich:

„Wir lebten neben dem Gebäude, in dem die Kommandantur war. Wir waren drei Mädchen in der Familie. Wir hatten Angst auf die Strasse zu gehen. Die Mutter rieb unsere Gesichter mit Asche ein und gab uns zerrissene, schmutzige Kleider, um uns vor den Deutschen zu verstecken. Die schönen Mädchen schickten sie nämlich als erste nach Deutschland, oder wo auch immer hin – wohin, wussten wir nicht, aber eine Bekannte hatten sie schon bei der ersten Okkupation so verschickt.“

E. Beloschenko erzählt, dass es auch ein Kommando von Kriegsgefangenen gab, die für die Deutschen arbeiten mussten. Sie gruben irgendwelche Schützengräben, sie wurden geprügelt, waren halbnackt und verhungert. Den Bewohnern war es verboten mit den Kriegsgefangenen zu sprechen.
In Matveev Kurgan war das Leben aber immer noch leichter, als in Troizki bei Taganrog. Die Mutter von Lidia Schatalova lebte dort, weil sie vor dem Krieg dorthin geheiratet hatte. Dort waren keine Frontkämpfer stationiert, sondern die SS, die Kommunisten und Juden erschoss. Sie verbrannten die Leute bei lebendigem Leib, ihre Mutter konnte aber nicht wegfahren. Sie erzählte, dass sie die Menschen dort lebendig begruben und dass sich die Erde noch drei Tage lang bewegte.

Dass die Eroberer aber auch in Matveev Kurgan Jagd auf Juden machte erfuhren wir aus den Aufzeichnungen von Antonina Schelkovnikova:

„Ein Deutscher geht ganz nahe auf einen russischen Menschen zu, beginnt, seinen Kopf zu betasten, überprüft die Schädelform – ob der nicht vielleicht ein Jude oder ein Zigeuner ist? Mir ist das am Bahnhof passiert und dort haben sie auch alle anderen auf diese Art überprüft. Der deutsche Übersetzer erklärte uns, dass sie die Zigeuner hassten, weil die faul sind und stehlen und die Juden, weil sie schlau sind und nichts tun.“

Die Kommandantur beschäftigte sich inzwischen damit, eine „neue Ordnung“ zu schaffen. Aus den Aufzeichnungen von Antonina Schelkovnikova:

„Neben unserer Schule hing eine Tafel an einem Pfeiler: „Wer nach 8 Uhr abends auf der Strasse ist wird erschossen!“ Neben dem Bahnhof hing so eine Tafel: „Für einen getöteten Deutschen werden 10 Russen erschossen“. Jeder deutsche Soldat konnte einen örtlichen Bewohner prügeln und treten“.

In Novo Nikolaevka gab es ein Lager für Kriegsgefangene. Einige Male wurden Gefangene durch Matveev Kurgan dorthin getrieben. Jekaterina Bobriza erinnert sich:

„Sie trieben die Gefangenen durch die Siedlung. Und die Leute erkannten unter ihnen Landsleute. Sie sagten es deren Frauen und die gingen nach Novo Nikolaevsk und nahmen Lebensmittel für die Männer mi. Vielleicht fand man ja eine Möglichkeit,  ihnen etwas zukommen zu lassen. Ein Deutscher, der das Lager bewachte, nahm die Lebensmittel und ließ einen Mann dafür frei, sagte der Frau aber, sie solle ihn nicht kämpfen lassen“.

Dieses Lager existierte bis zur völligen Befreiung des Bezirkes von den Besatzern.

Aber unvermeidlicher Weise entstanden während der Okkupation auch persönliche Beziehungen mit einzelnen Vertretern der feindlichen Armee.
Viele Zeitzeugen erinnern sich, dass einige Deutsche ihnen Brot gaben, mit der Hand einen Meter vom Boden zeigten und sagten: „Zu Hause Kinder“ (deutsch im Originaltext A.d.Ü), und dass sie Fotos von ihren Familien herzeigten. Ivan Stolbovski, Jahrgang 1932, erinnert sich:

„Unser Haus stand am Dorfrand. Die Deutschen bauten hier eine Luftabwehrstellung auf. Der Offizier lebte bei uns im Haus. Er sprach gut russisch und gab uns heimlich Erbsensuppe, wie sie die Offiziere aßen, oder Konserven. Einmal bewirtete er uns sogar mit Schokolade. Oft unterhielt er sich mit dem Vater und wenn es die anderen Offiziere nicht hören konnten, sagte er:

„Man sollte unseren Hitler und euren Stalin packen und sie zwingen mit einander zu kämpfen, statt uns einfachen Leuten. Die sollen sich gegenseitig umbringen“.

Pjotr Schurenko erinnert sich:

„In unserem Haus wohnte ein alter Deutscher, der war für mich, wie ein Großvater. Er war ein Feldscher im Offiziersrang und lebte allein im Wohnzimmer und wir im anderen Zimmer. Er hat uns nie beleidigt, mich bat er, die Pferde zu betreuen, die man ihm gegeben hatte und manchmal gab er mir dafür Lebensmittel“.

Nikolai Schernokljov, Jahrgang 1938, erinnert sich:

„Ich habe einen Zwillingsbruder, er ist dunkler und ich heller. Die Deutschen waren nett zu uns, sie wunderten sich, dass wir uns so ähnlich sahen. Ein Deutscher freundete sich mit uns an, er schenkte uns jedem ein Teelöffelchen, mir ein goldenes und Volodja ein silbernes. Oft schenkte er uns Brot. Er kam uns noch besuchen, nachdem er vor Stalingrad verwundet worden war, ohne Beine, bevor er nach Deutschland zurückkehrte. Er sagte, in Stalingrad fließt das Blut in Strömen direkt auf den Boden“.

Nadeschda Salomaschtschenko erzählt, dass ihr ein Deutscher einmal während eines Bombardements das Leben rettete.

„Ich hatte es satt, mich im Keller zu verstecken und beschloss, in der Küche zu übernachten. Die Deutschen versteckten sich ja auch nicht, während der Bombardements schliefen sie im Haus. Bei uns wohnten die, die die Eisenbahn wieder herstellen sollten, bei Tag mühten sie sich ab und dann schliefen sie eben. Unsere Flugzeuge kamen und ich erschrak und rannte, um mich im Keller zu verstecken. Ein Deutscher packte mich am Kragen und warf  mich zu Boden. Ich dachte was Schlechtes und begann zu schreien aber da war das Bombardement zu Ende. Er stand auf und ging weg. Und die Leute sagen zu mir:

„Er hat dir das Leben gerettet“. Wenn ich weiter gerannt wäre, wäre ich direkt in die Bombe hineingelaufen“.

Bald begriffen die Dorfbewohner, dass die Okkupanten nicht nur Deutsche waren, sondern dass es da auch Österreicher, Ungarn und Kroaten gab. Viele sprachen fließend Russisch und waren der örtlichen Bevölkerung gegenüber weicher, als die Deutschen.

Es fanden sich Dorfbewohner, die Polizisten werden („Polizei“ im Originaltext A.d.Ü) und für die Deutschen arbeiten wollten. Aus den Aufzeichnungen von Galina Sachartschenko:

„Mit Hilfe der freiwilligen Polizisten begannen sie die Leute zur Zwangsarbeit zu treiben: sie mussten den Brand im Getreidespeicher löschen, die Eisenbahn und die Brücken wieder aufbauen.Bezirksarchiv, Die Okkupation des Bezirkes, Akte Nur. 20.

Alle Polizisten verfolgten ihre eigenen Ziele, wollten sich bei den Mächtigen einschmeicheln und so viel wie möglich in die eigene Tasche stecken.

Zur gleichen Zeit begann auf dem Territorium des Bezirks auch eine Partisanenabteilung zu agieren. Wir fanden heraus, wohin die Bezirksleitung eine Woche vor der Besatzung verschwunden war. Sie waren ins Parteikomitee gerufen worden und man hatte ihnen mitgeteilt, dass sie zu den Partisanen einberufen seien. Sie waren insgesamt ungefähr 30 Personen. Angeführt wurde die Gruppe vom Bezirkschef und den Chefs der Bezirksunternehmen.

Jekaterina Dobriza, Jahrgang 1922, erinnert sich:

„Während der ersten Okkupation lebte ich im Weiler Dobriza bei den Eltern meines Mannes. Der Schwiegervater baute eine doppelte Fassade. Auf dem Dachboden entstand auf diese Weise ein Geheimzimmer, das nicht zu sehen war, weder von der Strasse, noch vom Dachboden aus. Dort stellten sie Pritschen auf und dort versteckten sich fünf Personen. Partisanen. Sie gingen in der Nacht ihren Angelegenheiten nach und bei Tag versteckten sie sich bei uns. Ich weiß, dass sie zwei Truppentransporter voller Deutscher in sprengten, was sie sonst noch taten weiß ich aber nicht. Unser ganzer Hof ist voller Deutscher und auf dem Dachboden haben wir die Partisanen. Es war schrecklich! Wir wuschen für sie und verköstigten sie. Fünf Männer, das war keine Kleinigkeit! Das Risiko war sehr groß und wir hatten kleine Kinder im Haus. Das Essen reichte nicht, einmal gingen wir sogar betteln. Wir haben sie rund vier Monate versteckt“.

Interessant für uns war die Tatsache, dass fast alle Zeitzeugen die Partisanenaktivitäten nicht als wichtige Sache betrachteten. Aus den Aufzeichnungen von Antonina Schelkovnikova:

„Die Partisanen schossen in der Nacht Raketen unter der Eisenbahnbrücke hervor. Unsere Flugzeuge bombardierten dann den ganzen Ort. Deutsche gab es hier aber nur wenige. Wenn die Nacht kam nahmen die Leute die Kühe, packten ein paar Kleider ein und gingen zum Übernachten aufs Feld. Die Flugzeuge kommen, werfen Leuchtraketen an Fallschirmen ab, es wird hell, die Flieger sehen alles. Dann werfen sie hundert Bomben ab und fliegen weg. Deutsche sind keine da, Luftabwehr auch nicht, nur die Dorfbewohner und die sitzen im Feld. In der Früh kommen wir zurück – das Haus ist zerstört, rundherum nichts als Erde und Trümmer. Und wir sitzen bei den Nachbarn im Keller…. Dank den Partisanen haben sie unser Dorf zwei Monate lang völlig sinnlos bombardiert“.

Auch andere Zeitzeugen erzählten ähnliches. Wie aber soll man die Partisanen dann beurteilen? Da ist also der Krieg gegen den Feind und die Partisanen sind Teil dieses Krieges, sie arbeiten an der Vernichtung der Nazis, aber es gibt mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung. Wir denken, dass es hier um Maßstab und Handlungsweise geht. Wenn die Leute gesehen hätten, dass die Partisanen dem Feind wirklich großen Schaden zufügen, dann hätten sie diese vielleicht auch anders beurteilt. Denn in der Siedlung selbst litten ja vor allem die Zivilisten.
Es begann der Angriff auf Moskau. Am 29. November 1941 befreite die sowjetische Armee Rostov. Vor dem Rückzug begannen die Deutschen die Häuser von Matveev Kurgan anzuzünden. Aus den Erinnerungen von Jekaterina Resnitschenko, Jahrgang 1929:

„Unsere Gegend zündeten sie als erste an… Wir wussten damals noch nicht, dass die Deutschen die Häuser anzündeten, wir dachten, dass das zufällig passiert sei und rannten hin, um löschen zu helfen. Und dann sehen wir, dass die Deutschen das Vieh wegbringen, in schwarzen Anzügen, mit Fackeln und Benzinkanistern, schwarz und schrecklich. Die Hunde bellen, das Vieh brüllt, die deutschen Brandstifter erlauben nicht, dass gelöscht wird, verjagen uns mit ihren Maschinenpistolen. Panik brach aus. Mama und Vasja, meine jüngere Schwester, gingen verloren, wir fanden sie erst nach zwei Tagen wieder“.

Nadeschda Salomaschtschenko erinnert sich:

„Eine Gruppe starker, schwarzer Deutscher voller Asche kommt mit Fackeln und Benzinkanistern zu unserem Haus. Fast alle Dächer sind ja aus Stroh. Sie heben die Fackel zum Dach und stehen und warten einige Minuten, bis es richtig brennt. Dann gehen sie zum nächsten Haus. Drei Tage lang haben sie die Häuser niedergebrannt.. Bevor sie unser Haus erreichten hatten wir schon alle unsere Sachen in Fässern im Garten versteckt. Ich sah hinter den Fässern hervor. Bei uns blieb die Decke ganz, also hatten wir irgendein Dach überm Kopf. So lebten wir bis zum 5. Dezember, bis zur Evakuierung“.

Matveev Kurgan brannte, wie eine Kerze. Alles war vom Rauch eingehüllt. Die Hunde heulten, die Kinder weinten. Von vielen Häusern blieben nur die Schornsteine zurück. An der Brandlegung nahmen offensichtlich nicht nur die Soldaten teil, die hier stationiert waren. Man hatte wohl auch andere Einheiten her geschickt. Und einige Zeitzeugen sagen, dass die Deutschen, die einige Zeit hier gelebt hatten, sie warnten oder irgendwie dabei halfen, die Häuser zu retten. Nadeschda Pantschenko erinnert sich:

„Ein Offizier, der in unserem Haus wohnte,  rief mich in den Schuppen, wo wir das Heu aufbewahrten, und zeigte mir mit Gesten: Ich werde anzünden (er tat so, als ob er ein Zündholz an einer Schachtel anstrich), und du löschst (er stampfte mit den Füssen, als ob er eine Flamme austrat).  Auf jeden Fall retteten wir das Haus, der Schuppen mit dem Heu aber brannte nieder. Die Nachbarn aber, deren Haus niederbrannte, lebten dann einige Zeit bei uns.“

Vor dem Rückzug beschlossen die Nazis, einen Teil der Bevölkerung mit zu nehmen.

„Ende November 1941 zwangen die Deutschen uns unsere Kleider zu packen und mit ihnen nach Westen zu gehen, “ erinnert sich Ivan Stolbovksij, „Unsere Familie kam bis zur Pugatschov-Strasse und dort versteckten wir uns vor den Deutschen und machten uns davon. In der Dunkelheit schlugen wir uns bis zum Schuppen von Tante Dascha Sosedkina durch. Der Keller dort war schon voll mit Leuten, denen sie das Haus abgebrannt hatten. Einmal in der Nacht kamen unsere Soldaten dorthin – Aufklärer. Alle freuten sich sehr und Nadeschda Ivanovna, die sie von früher kannte, begann ihnen alles zu erzählen und zeigte ihnen auf ihrer Karte, wo die Deutschen was stehen haben. Sie wusste, wie welche Einheiten hießen und welche Kanonen wo standen. Ich bewunderte sie damals sehr dafür.“

Dass die Deutschen die Bewohner zwangen bei ihrem Rückzug mitzugehen erzählen auch andere Zeitzeugen. Nicht alle konnten flüchten. Die Nachbarn der Familie Stolbovski zum Beispiel, die Familie Korsunov, wurden von den Deutschen 1941 verschleppt. Ihr weiteres Schicksal ist nicht bekannt.

 

Matweew Kurgan an der Mius-Front -  4. Dezember 1941 bis 22 Juli 1942

Am 27. November 1941 führte die südliche Armee aus Norden, Osten und Süden kommend  einen schweren Schlag gegen die Rostover Abteilung des Feindes und befreite Rostov am 29. November von den nazistischen Besatzern. Am 10. Dezember verlief die Front längs dem Fluss Mius am westlichen Rand der Siedlung Matveev Kurgan. Die Siedlung selbst lag faktisch im Niemandsland und daher ständig im Kreuzfeuer unserer und der feindlichen Artillerie.

Hier lebten aber weiterhin Menschen, die nicht in den Listen der Militärs aufschienen, darunter Frauen und Kinder. Es ist üblich, sie als „friedliche Bevölkerung“ zu bezeichnen (im Russischen werden mit diesem Begriff Zivilisten bezeichnet. A.d.Ü), aber zum Frieden war es noch ein weiter Weg und sie spürten alle Schwierigkeiten des Lebens an der Front . Maria Bobkova, Jahrgang 1925, erinnert sich:

„Hier stand die Mius-Front. Wir gruben Gräben, dort, wo die alte Brücke war. Es war schrecklich, wir gruben in der Nacht, die Deutschen beschossen uns heftig.“

Die Gräben waren mannshoch, in ihnen saßen die Soldaten.

Viele wundern sich, während sie erzählen: wie haben wir das nur überlebt? Und auch wir wundern uns, wenn wir ihnen so zuhören. Wir begannen besondere Hochachtung vor den Leuten zu empfinden, die das alles überlebt haben und Menschen geblieben sind, weiter leben konnten, Kinder großgezogen haben und auf diesem Boden neue Häuser gebaut, gearbeitet und überhaupt ihren Verstand behalten haben. Für immer im Gedächtnis geblieben sind aber vor allem all jene, die andere um den Preis ihres eigenen Lebens gerettet haben. Raisa Gorbatkova, Jahrgang 1929, erinnert sich:

„Bei uns im Gemüsegarten war ein tiefer Trichter von einer Bombe. Die Soldaten, die bei uns im Haus lebten, sagten, dass nie zwei Bomben an der gleichen Stelle einschlagen. Sie versteckten sich in diesem Trichter. Eines Tages kamen die faschistischen Flugzeuge wieder und der Bruder und ich rannten mit ihnen zu dem Trichter. Und da begannen die Bomben auf uns herunterzuhageln. Die Soldaten aber, einer hieß Derevjanko, beschützten den Bruder und mich mit ihren Körpern. Einen töteten sie gleich, der Derevjanko aber wurde an der Wirbelsäule verletzt, die weißen Knochen sahen heraus, wenn er den Kopf drehte. Er litt schrecklich. Wir brachten ihn zum Verbandsplatz an der Kooperativ-Strasse, er lebte noch zwei Tage, dann starb er.“

Das Frontleben hatte seine Gesetze. Hier lagen verschiedene Einheiten, ihre Stäbe und Spitäler. Die Bombardements gingen weiter, die Deutschen bombardierten jetzt auch schon bei Tag. Die Deutschen schossen auch mit schweren Kanonen auf alles, was sich bewegte. Besonders stark spürte man den Beschuss im Zentrum der Siedlung, in der einzigen gepflasterten Moskauer Strasse, und auch bei der zweiten Verteidigungslinie am östlichen Rand der Siedlung. Hier war es sogar gefährlich, zum Brunnen um Wasser oder in den Keller um Brennmaterial zu gehen.  Es war schwer, unter diesen Bedingungen zu überleben. Bei der ersten Verteidigungslinie am Fluss war es leichter, dort beschossen die Deutschen die unseren weniger mit schwerer Artillerie, weil sie fürchteten, ihre eigenen Stellungen zu treffen. Die Deutschen hatten den ganzen Ort in Quadrate eingeteilt. Wenn sie vom Hügel aus eine Bewegung sahen, einen Soldaten, der vorbei ging oder auch nur einen Hund, der herumlief, flogen die Granaten dorthin.

Ivan Stolbovski erinnert sich:

„Im Frühjahr 1942 war in unserem und dem Haus der Klimentevs ein Feldlazarett untergebracht. Wir lebten im Keller. Hier war die zweite Frontlinie, hier her brachten sie die Verletzten auf Baren aus der vordersten Linie und aus der ganzen Siedlung. In unserem Haus lebten und arbeiteten ein Arzt und drei Krankenschwestern. Es gab hier aber nur zwei Zimmerchen und eine Küche, so dass im Haus selbst nur die Schwerverletzten und die Offiziere untergebracht wurden. Die verletzten Soldaten brachten sie in den Gräben (Schuetzengraebern?) unter, wo sie warteten, bis man sie von hier irgendwo anders hin brachte. Oft starben sie, denn sie waren sehr viele und die Krankenschwestern fielen schon um vor Müdigkeit, schafften es nicht, alle zu untersuchen und allen zu helfen. Sie begruben ja auch die Toten und holten dazu die Soldaten und die Dorfbewohner herbei. Jeder Soldat hatte ein Medaillon, das aussah wie eine Patrone. Darin wurden seine Daten aufbewahrt. Die Krankenschwestern sammelten die von den Toten ein. Sie begruben sie hier, in den Schützengräben und weiter in der Steppe, wo sie schon vorhandene Gruben benutzten. Bis zum Friedhof kam man unter dem Bombenhagel nicht gehen. So dass jetzt hier unter unseren Häusern und Gärten in unserer Strasse viele Tote liegen. Niemand hat sie umgebettet und so sind sie eben hier geblieben“.  

So haben wir zum ersten Mal von den namenlosen Gräbern unter unseren Füssen erfahren. Wir sind auf einen schrecklichen Tatbestand gestoßen. Unsere ganze Siedlung, die so sauber, schön und heimelig ist, steht auf den Knochen von Toten. Auf Gräbern ohne Kreuz, Stern oder Gedenktafel. Auf Gräbern, die alle vergessen haben, auf Gräbern nicht nur sowjetischer Soldaten, sondern auch von Zivilisten, Deutschen, Rumänen, verräterischen Kosaken, mit einem Wort, auf Gräbern von Menschen. Nur verhältnismäßig wenige sind umgebettet worden, immer nur dann, wenn etwas gebaut wurde und man plötzlich auf ein Skelett stieß. Besonders erschüttert hat uns die Erzählung von Jelena Beloschenko.  Sie zeigte auf den Asphalt unter unseren Füssen und sagte, dass während der Bombardements im Winter 1942 hier vor ihren Augen ein unbekannter Soldat gestorben sei. Die Leute, die dabei waren, kannten ihn nicht, eine Erkennungsmarke hatte er nicht bei sich. Sie begruben ihn hier, im Bombentrichter, deckten ihn einfach mit Steinen und Brocken gefrorener Erde zu. Seither liegt er also hier, unter der Hauptstrasse der Siedlung. Irgendwie war es plötzlich unheimlich, auf dieser Strasse zu gehen und zu wissen, dass irgendwo unter unseren Füssen ein Grab liegt. Wir dachten auch daran, dass ja irgendwo seine Verwandten zurück geblieben waren, die niemals erfuhren, wo ihr Liebster begraben ist. Das ist das wirkliche Grab des unbekannten Soldaten, nicht das an der Kremlmauer!”

Die Kinder blieben aber Kinder, sie wollten mit den Freunden und Freundinnen spielen, und herumlaufen. Aus den Aufzeichnungen von Antonina Schelkovnikova:

„Ich hatte genug davon, Tag und Nacht im Keller zu sitzen und lief zu meiner Freundin in ihren Keller. Es war heiß, ich zog also einen roten Kittel über und lief los. Sie lebte rund 300 Meter von mir entfernt. Ich war noch nicht weit gelaufen, da flogen drei Granaten auf mich zu. Was ich mir von den Soldaten anhören musste! Sie beschimpften mich, sagten, dass ich mit meinem roten Kittel den Deutschen ein Signal gegeben hätte, dass sie hier her zielen sollten. Ich schämte mich.“

Ivan Stolbovski erinnert sich, wie Ivan Sosedkin umkam, der nur zwei Jahre älter war, als er selbst. Die Kinder spielten auf der Strasse, rannten von Keller zu Keller hin und her über die Strasse. Eine Granate explodierte neben dem Buben. Sie durchschlug ihm die Brust. Sie begruben ihn in ihrem Garten, zum Friedhof konnte man unter dem ständigen Beschuss nicht gelangen. Jetzt ist das der Garten fremder Leute. Auch das ist ein vergessenes Grab eines Kriegsopfers.
Man erzählte uns, dass es viele solcher Gräber gibt.

Der Stadtsoviet mobilisierte die Bewohner, darunter auch die Halbwüchsigen, um die Gefallenen zu begraben. Das erzählte uns Nikolai Moiseevitsch, Jahrgang 1929. An den Begräbnissen nahm sein Freund Michail Elovenko teil, der damals gerade 15 Jahre alt war. (Elovenko selbst wollte leider nicht mit uns sprechen. Er sagte, dass wir die ganze Wahrheit über den Krieg nicht wissen müssen, dass wir ohne sie zu kennen besser schlafen würden und dass es überhaupt besser sei, Bücher zu lesen, die Mächtigen hätten schon genau gewusst, was man in ihnen schreiben sollte!). Trotzdem sind wir der Meinung, dass wir etwas sehr wichtiges tun: wie sollen wir denn die Wahrheit erfahren, wenn sie uns nicht jene erzählen, die direkt bei diesen Ereignissen dabei waren? Nikolai Moisseenko erzählte, dass dort, wo heute das Denkmal steht, ein riesiger Bombentrichter war. In ihm wurden die Toten begraben. Die Leichen wurden einfach hinein geworfen und keiner zählte sie. Man warf sie einfach hinein, bedeckte sie irgendwie mit Erde und legte die neuen Leichen darauf und deckte sie wieder mit Erde zu. Für uns war das eine Entdeckung. In der Bezirks-Kulturabteilung fanden wir den „Informationspass Nr.1 des Objektes historisch-kultureller Studien. Name des Denkmals: Denkmal „Für die gefallenen Krieger“. In dem Dokument heißt es, dass „in dem Massengrab 45 Offiziere, sowie 400 Soldaten, Feldwebel und Korporäle begraben sind. Bildhauer: Valentin Perfilov. Entstehungsdatum: 1968“. Wir neigen allerdings dazu den Leuten in der Siedlung zu glauben. Die die Worte von Nikolai Moiseenko bestätigen, dass nämlich niemand die Toten in diesem Grab je gezählt hat. Wir besitzen Zeugenaussagen, dass man dort auch Bewohner der umliegenden Strassen begrub, die während der schweren Bombardements umkamen und auch später noch als die vom Hunger geschwächten Bewohner der Siedlung es nicht mehr schafften, zum Friedhof zu gehen und Gräber auszuheben. Einige Bewohner sagen, dass man 1943 auch die Deutschen dorthinein warf, die während der Kämpfe in den Höfen der Leute starben. Und auch die Soldaten, die dort begraben sind, hat keiner gezählt.  Wir haben keinerlei Dokumente gefunden. Die bei den Begräbnissen dabei waren erzählen aber, dass niemand irgendetwas aufschrieb, denn Kommandeure gab es sehr wenige an der Front, noch dazu, wo die Bomben ständig fielen.

Wir verstehen, wie das 1943 war, als die Hauptaufgabe darin bestand, die Toten irgendwie zu begraben um die Erde im wahrsten Sinn des Wortes für die Lebenden vorzubereiten. Aber heute, mitten im satten Trubel und den Feuerwerken vergessen wir wieder an die Toten, die ihr Leben für uns gegeben haben, dafür, dass wir überhaupt leben können. Und derweil hören wir von den Tribünen herunter: solange der letzte Soldat nicht begraben ist geht der Krieg weiter. Kann man denn meinen, dass die Soldaten begraben sind, wenn man nicht einmal weiß, wie viele dort liegen? Oder sind hastig ausgehobene Gruben mit Toten darin auch Gräber? Oder mit Toten angefüllte Brunnen? Oder die vergessenen Gräber in den Gärten oder unter den Häusern, die nach dem Krieg gebaut wurden? Oder die Zivilisten, die an der Front ums Leben kamen?

 

Die zweite Besetzung Matveevs Kurgan — 22. Juli 1942 bis 17. Februar 1943

Am 22. Juli 1942 marschierten die deutschen Einheiten wieder in Matveev Kurgan ein. Es begann die zweite Besatzung der Siedlung. Wieder wurde eine Kommandantur eingerichtet, eine Gendarmerie, wieder gab es örtliche Verräter als Polizisten. Wieder herrschte Rechtlosigkeit, Erniedrigung durch die Okkupanten, wieder fühlte man sich hilflos.

Im Gebäude der Erdölverwaltung eröffneten die Deutschen eine Schule. Die Lehrer kamen aus Deutschland. Sie unterrichteten Deutsch und die Biografie von Hitler. Es gab nur wenige Schüler, vielleicht 20 insgesamt. Dort sollten die Kinder der 3 Klasse lernen, das heißt, sie sollten den Grundschulunterricht erhalten. Und dabei sollte es für die Russen auch bleiben. Der Unterricht ging aber nur zwei Monate, als unser Angriff begann, fuhren die Lehrer weg.

Im August 1942 trieb man Kolonnen unserer Kriegsgefangenen durch Matveev Kurgan. Es war schwer, unsere Soldaten in dieser Situation zu sehen. Aus den Erinnerungen von Jekaterina Resnitschenko:

„Wir hörten Lärm. Die Hunde bellten, die Deutschen schrieen irgendetwas, mit einem Wort, es herrschte großer Krach. Wir liefen hinau. Auf der Taganroger Strasse marschierte eine Kolonne von Gefangenen. Soldaten mit Maschinenpistolen und Hunden trieben sie an. Der Beginn der Kolonne war hier, aber ihr Ende war bei Rotovka. Sie gingen in Reihen von 6 bis 8 Mann. Die Dorfbewohner liefen herbei und begannen Lebensmittel in die Kolonne zu werfen. Chaos brach aus, die Deutschen schossen in die Luft und auf die Häftlinge und jagten uns mit den Bajonetten weg. Die Kolonne brach trotzdem auseinander. Einigen gelang es, zu flüchten. Sie kamen in den Keller in der Rasin-Strasse. Die Wachen zerrten sie aber wieder heraus und erschossen sie im Hof. Diese Soldaten grub man im Garten ein. Niemand hat sie dann umgebettet, und so liegen sie immer noch dort. Am Abend entdeckten wir im Stroh bei unserer Kuh einen  Soldaten. Den versteckten wir, gaben ihm zu essen und Kleider und in der Nacht ging er weg. Meine Mutter wurde 96 Jahre alt, sie ist erst vor zwei Jahren gestorben, aber sie erinnerte sich oft an ihn, ob er wohl überlebt hat? .“

Die Dorfbewohner wurden gezwungen, beim Wiederaufbau der Eisenbahnlinie mitzuarbeiten. Die Leute hatten keine Wahl: entweder arbeitete man hier für die Besatzer, oder man wurde nach Deutschland verschleppt. Das fürchteten sie mehr als alles andere. Selbst wenn man Glück hatte und zu einem Bauern und nicht ins Lager kam war man dort doch ein Sklave.

Maria Voloschtschukova erinnert sich:

„Da war eine Deutschlehrerin, die zwangen die Deutschen, als Übersetzerin zu arbeiten. Dann, als Unsere erfuhren, dass sie für die Deutschen gearbeitet hatte, erschossen sie sie. Das war gleich nach der Befreiung“.

Manchmal konnten die Leute nicht ablehnen, gar nicht so sehr gegenüber den Deutschen, als gegenüber den eigenen Landsleuten, wenn die sie zum Dorfältesten wählten. Ivan Stolbovski erinnert sich:

„Die Deutschen besetzen das Dorf, sie versammeln die Leute und zwingen sie, einen Ältesten zu wählen. In Petrovka wählten sie halt den Belikov. Der Belikov wurde in die Kommandantur gerufen um Rechenschaft abzulegen. Sobald sie ihn zum Ältesten gewählt hatten, hatte er das Kolchoseigentum unter den Leuten verteilt, damit es nicht den Deutschen in die Hand fiel. Wenn er in die Kommandantur gerufen wurde wusste er nie, ob er nach Hause zurückkehren würde, deshalb nahm er mich immer mit, damit ich seinen Verwandten sagen konnte, was mit ihm geschehen war, wenn sie ihn nicht gehen lassen sollten. Jedes Mal ging er zu den Deutschen wie zum letzten Mal. Als Unsere dann einmarschierten kam er mit seinem Quersack zu uns:
„Wo ist hier der Stab, ich bin gekommen, um mich selbst anzuzeigen, weil ich Dorfältester war, damit sie mich nicht suchen müssen“
Sie haben ihn mitgenommen, aber wo er jetzt ist weiß ich nicht.“.

Was zu dieser Zeit an der Front vor sich ging wussten die Leute im Land nicht. Die Radios waren schon bei Kriegsbeginn von der Sowjetmacht konfisziert worden. Man durfte Radio nur über die allgemeinen Lautsprecher arbeiten aber während der Okkupation funktionierte das natürlich nicht. Die Nachrichten, die auf deutschen Flugblättern gedruckt wurden hielten die Leute für Lügen. Deshalb griffen sie jedes Gerücht über die Vorgänge an der Front auf, auch das unwahrscheinlichste, wenn es sich nur von dem unterschied, was auf den deutschen Flugblättern stand.

Aus unserer Schule machten die Deutschen ein Spital. Es gab sehr viele Verwundete aus Stalingrad. Ein Teil von ihnen starb. Die Deutschen machten für alle Särge, einfach so wurde keiner begraben. Die toten höheren Offiziere wurden nach Deutschland gebracht. Die Leute sahen ganze Züge mit Särgen – von dort mit leeren Särgen, zurück mit den Toten. Neben der Schule gab es nach Aussage der Zeitzeugen 250 bis 300 deutsche Gräber. Als dann Unsere kamen gruben sie sie aus und brachten sie zum Tierfriedhof. Einige Lastwagen wurden bis obenhin beladen und brachten die Leichen dorthin, quer durch das ganze Dorf. Die Särge benutzte man zum Heizen. Und wieder entdecken wir, dass wir auf Gräbern leben – auf den Gräbern von Feinden zwar, aber eben doch auf den Gräbern von Menschen. Und den Bewohnern, die die ganzen Schrecken der Besatzung überlebt hatten, gefiel es gar nicht, dass man die Toten aus ihren Gräbern holte, alle sagten, dass man die Seelen zu Unrecht beunruhigte, dass es Unrecht sei, die Toten zu stören.

Die Deutschen, die ständig in Matveev Kurgan lebten, begannen, sich auf den Rückzug vorzubereiten. Es war klar, dass die Front wieder näher rückte. Die Bombardements wurden häufiger, die Dorfbewohner saßen wieder lange in den Kellern. Raissa Gorbatkova erinnert sich:

„1943, als sich die Deutschen zurückzogen, begannen sie wieder, alles niederzubrennen. Sie übergossen die Häuser mit Kerosin, sie zündeten sie von innen an, sie zerbrachen die Fenster und waren Fackeln hinein. Pelageja Sosedkina lag gerade in den Wehen, als sie ihr Haus von zwei Seiten anzündeten. Die Leute halfen, sie herauszuholen, sie aber schrie entsetzlich, keiner weiß, ob wegen der Entbindung oder wegen des Brandes. Sie gebar den Buben Viktor. “.

Dass es wieder spezielle Einheiten waren, die die ganz gebliebenen Häuser nieder brannten, daran erinnern sich auch andere Zeitzeugen. Dieses Mal zündeten sie die Häuser von innen an, man konnte sie also nicht retten, sie zerstörten jedes heil gebliebene Haus.

Viele Deutsche, die lange hier stationiert gewesen waren, wussten, dass sie die Leute aus dem Dorf nie mehr wieder sehen würden. Viktor Moiseenko erinnert sich:

„Bei uns war irgendein Stab untergebracht. Und der junge Adjutant liebte es, sich mit der Mutter zu unterhalten. Als sie sich zurückzogen kam er zu uns:
„Mama, bald kommt dein Bruder. Hitler Stalingrad kaputt!“

Die Zeit der Besatzung lag wie ein schwarzer Fleck auf der Biografie der älteren Generation. Die Wahrheit darüber, wie die von der Macht dem Feind überlassenen Menschen hier gelebt hatten, wollten die Führer des Landes nicht wissen. Sie verdächtigten im Gegenteil alle Bürger des Verrates. Deshalb gibt es in unserem Bezirk so wenige, die die Medaille „für herausragende Leistungen in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges“ oder für „die Verteidigung des Kaukasus“ erhalten haben, überhaupt so wenige, die irgendwie ausgezeichnet wurden. Dabei waren sie echte Frontkämpfer, die in keiner Liste aufschienen. Diese Frontkämpfer aber können zu keinem Feiertag ihre Orden anlegen.

 

Matweew Kurgan an der Front — 17. Februar bis 29. August 1943

Die Armee der südlichen Front versuchte einige Wochen lang hartnäckig die Front zu durchbrechen und den Angriff zu forcieren. Das ganze Dorf befand sich also im Niemandsland, hier gab es weder Deutsche, noch Unsere, nur die Bewohner, die die einen wie die anderen beschossen und bombardierten.

Allein „nach Angaben aus dem Jahr 1947 fielen hier,  20718 Mann“.  Das sind Angaben nur über die sowjetischen Gefallenen an der Mius-Front (und wir wissen ja schon, dass nicht alle berücksichtigt wurden), die Zahl der toten Deutschen, Rumänen und Kosaken, die an eben dieser Mius-Front auf der Seite der Deutschen kämpften, würde diese Zahl, so denken wir, verdoppeln. Und dann waren da noch die getöteten Zivilisten! Unser Boden ist also bis zum Rand mit Blut getränkt. Das ist der wahre Preis des Sieges, über den es im Lied heißt:

„Wir brauchen nur einen Sieg, einen für alle, der Preis ist egal“!

Antonina Schelkovnikova lebte im Winter 1942/1943 bei der Großmutter in Latonova, sie erkrankte an Typhus, der Winter war für sie sehr schwer. In ihren Aufzeichnungen erzählt sie, wie sie über die Front ging und wir können diesen Weg mit ihr in Gedanken noch einmal gehen. Das Mädchen war 12 Jahre alt.


„Im Februar hörten wir zeitlich früh den Krach von Explosionen in Matveev Kurgan. Die Großmutter Mawra sagte:
„Geh nach Hause, die Mama wartet auf dich. Schau, dort gehen die Spekulantinnen in die Stadt. Geh mit ihnen, aber nicht nach Kurgan sondern durch Rjaschenoe, dort hört man keinen Krach.“
Die Großmutter gab mir ein Stück Brot und ich ging los. Der Schnee schmolz. Ich ging lange. Ich rutsche in meinen Stiefeln, oben lag Schnee und darunter war Wasser. Ich ging lange mit den Tanten. Und dann bogen sie ab, um in die Stadt zu gehen und ich blieb allein im Feld und es war schrecklich und auch nicht. Plötzlich öffnete sich der Blick. Unten die Ebene und der Fluss Mius, am Fuß des Hügels das Dorf Rjaschenoe. Weiter weg in Matveev Kurgan Explosionen und Heulen. Man konnte sehen, dass dort gekämpft wurde. Ich geh weiter, steig zum Ufer hinunter, gehe über die Brücke und durch die Siedlung. Rundherum keine Seele. Ungemütlich war das, kein Geräusch, kein Krach, keine Leute. Ich geh durch die Siedlung zur Eisenbahnlinie. Am Rand steht ein Haus. Zwei Deutsche mit Maschinenpistolen sitzen da, in weißen Mänteln. Ich geh weiter, Sie schauen mich schweigend an, tun mir aber nichts. Bei der Eisenbahn blieb ich stehen. Wohin sollte ich gehen? Ich beschloss, dem Fluss und der Eisenbahn hinter der Hecke zu folgen. Ich gehe und die Stiefel sind voller Wasser. Ich setz mich hin, gieß das Wasser aus und geh weiter. Ich schau, ob nicht Deutsche da sind. Ich höre das Geräusch eines Panzers hinter der Hecke. Der Wagen kreischt. Er blieb stehen und begann aus seiner Kanone in meine Richtung zu schießen. Ich sehe vor mir den weißen Schnee und die von der Kanone weggeschossenen Äste der Sträucher. Ich habe aber gar keine Angst, ich dachte nur: wenn mich die Deutschen hier umbringen, dann weiß die Mutter nicht, was mit mir geschehen ist. Ich setzte mich hin und blieb 5 Minuten sitzen. Ich horche, der Wagen fährt wieder zurück. Ruhe. Ich ging weiter. Ich sehe den Weiler Kolesnikovo und gehe über die Eisenbahn dort hin. Unsere Soldaten! Ich freute mich! Unsere! Ich geh auf dem Weg. Ein Soldat springt herbei und fragt mich erschrocken:
Wo kommst du her?  Bist du eine Spionin?
Ich schweige. Er erbittet vom Kommandanten die Erlaubnis mich nach Matveev Kurgan zum Stab zu bringen. Der ist einverstanden. Und wir gehen zu zweit los. Er bringt mich zum Stab. Er führt mich an der Ölbasis und an der Schule vorbei. Der Stab liegt gegenüber. In Kurgan gibt’s viele Panzer, Soldaten, überall Autos, Lärm, Gespräche. Es wird schon Abend. Sie bringen mich zum Stab. Der Chef begann mich schrecklich anzuschreien:
Wer bist du und woher kommst du?
Ich sagte, dass ich bei der Großmutter in Latonova war und nach Hause ging.
Was hast du im Korb?
Ich zeigte das Stück Brot und ein warmes Tuch.
Du bist eine Spionin, nicht wahr?
Ich begann zu weinen und sagte:
Dort hinten ist meine Hütte. Dort ist die Mama.
Da wurde seine Stimme weicher, er brachte mir eine Karte und fragte:
Durch welche Weiler bist du gegangen? Hast du Fässer mit Benzin gesehen? Deutsche?
Ja, neben dem Weiler am Fuß des Berges. Den Namen weis ich nicht. Deutsche sind dort wenig, Fässer viele.
Er zeichnet irgendetwas in der Karte ein. Und sagt zu mir:
Danke, geh nach Hause.
Als die Mutter mich sah begann sie vor Freude zu schreien:
Wie bist du über die Front gegangen und am Leben geblieben?
Neben der Hütte stand ein Panzer. Die Mutter ging zum Panzerfahrer und sagte:
Fahr vom Haus weg, sonst bricht meine Hütte vom Lärm eurer Waffen zusammen. Ich habe Kinder.
Der Panzer fuhr weg“.

Hier brechen die Aufzeichnungen ab. Wir aber konnten uns die Front-Situation vorstellen, die Angst des kleinen Mädchens, das ganz allein die Front überquerte, das vielleicht ja sogar berechtigte Misstrauen der Militärs gegenüber den Zivilisten, die sie wie Befreier gefeiert hatten. Umso kränkender waren diese Anschuldigungen. Die einzelnen Fälle von Unfreundlichkeit gegenüber Kindern hinterließen tiefe Spuren in ihrem Leben.

Die Zivilisten, die hier zurückgeblieben waren, mussten ja irgendwie leben. Pjotr Schurenko erzählte uns, dass einen großen Teil des Dorfes die Buben entminten. Es gab sogar so etwas wie eine besondere Mutprobe: wer die Panzerabwehrminen eleganter entschärfte. Natürlich gab es auch Opfer. So fanden zum Beispiel Sergej Bogoslavski und sein Freund eine Mine neuer Machart,  versuchten, sie zu entschärfen und wurden beide dabei getötet. Sie entschärften die Minen auch, um Brennmaterial zu gewinnen, mit dem sie dann die Öfen heizten…

Antonina Nizenko erinnert sich:

„Als sie im Sommer 1943 neue Soldaten schickten, ganz junge, in unserem Alter, so um die 17 Jahre, da erwachte in der Schwester und mir das Interesse am Leben – da waren ja Bräutigame! Wir freuen uns, sitzen mit ihnen auf einem Steinhaufen und kauen Sonnenblumenkerne. Sie brachten eine Katjuscha und stellten sie in der Severnaja Strasse auf. Ein bekannter Offizier sagte uns, wann sie in Richtung des Weilers Daragana schießen würden. Die Schwester und ich kletterten auf einen Lehmhaufen (den wir im Hof hatten um den Ofen auszubessern), um etwas zu sehen. Und als die Katjuscha zu schießen begann sahen wir alles sehr gut, aber da begannen die Deutschen auf den Platz hinzu schießen, an dem die Katjuscha gestanden hatte, die dort aber schon nicht mehr da war. Und wir stehen, schauen und kauen Sonneblumenkerne. Die Soldaten aber sind  erschrocken und haben sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden geworfen und den Kopf mit den Händen bedeckt und einer weinte: „Ich will zur Mama!“ Unsere Mutter kaum aus dem Haus, umarmte sie und streichelte ihnen die Köpfe: „Ach ihr grünen Kücken! Gerade erst von der Mutter weg, ihr ward wohl noch nie an der Front!“ Wir lebten ja die ganze Zeit an der Front, wir fürchteten uns nicht mehr“.

In den ersten Augusttagen erhielten die südliche und die südwestliche Front den Befehl zur Vorbereitung einer neuen Offensive. Es begann die Befreiung. Es ist sehr interessant, dass wir lange Zeit dachten, das Bezirkszentrum Matveev Kurgan sei am 29. August 1943 befreit worden. Matveev Kurgan hörte auf ein bewohntes Dorf an der Front zu sein, endlich konnte man hier friedlich zu leben beginnen.

 

Seelenstärke und der Wunsch zu leben

Atonina Nizenko erinnert sich:

„Der Tod war alltäglich geworden. Man sagte sich nur: „Hast du gehört? Die Galja ist gestorben“, oder „Weißt du, den Vitka haben sie umgebracht“. Man hat nicht lange getrauert, rund herum war ohnehin alles so traurig, dass man nicht hätte leben können, wenn man nur getrauert hätte.“

Woran haben die Leute geglaubt, was hat es ihnen möglich gemacht, zu leben? Alle sprachen davon, dass sie damals mitleidiger und offener für einander waren, dass die Nachbarn sich trotz des Hungers gegenseitig halfen, die Kinder betreuten, die letzten Lebensmittel miteinander teilten, sich besuchen gingen und gemeinsam Familienfeste feierten, so gut es eben ging. Das hat vielen das Leben gerettet, die Leute bemühten sich, das Gute nicht zu vergessen. Denn im Angesicht des Todes, der einem ja bei jedem Schritt drohte, wurden viele Auseinandersetzungen und kleinliche Abrechnungen, deretwegen auch nahe Verwandte oft streiten, tatsächlich unwichtig.

„Wie viel Leben blieb uns denn noch, dass wir noch streiten sollten?“, sagten uns unsere Gesprächspartner. Wir denken, dass dieser Satz damals in jenen Kriegsjahren entstanden ist.

 

Was wir verloren haben

In den erklärenden Aufzeichnungen des Kriegskommissars von M-Kurgan zu den Verlustlisten vom 16. April 1943, heißt es:

„ Zur Gänze zerstört: Novo Grekovka, Novo Rotovka, Novo Marevka, Alexandrfeld. Zu zwei Drittel zerstörte Siedlungen: Matveev Kurgan. Politotdelskoe, Bolsche Kirsanovo, Novo Nadrianovo, Rjaschenoe. In Matveev Kurgan gab es vor der Okkupation 1200 Häuser, jetzt noch 30 bis 40. Die übrigen sind verbrannt und zerstört.“

Die Leute kehrten nach Hause zurück, in das befreite Matveev Kurgan. Oft wussten sie nicht, wo sie wohnen sollten. Elena Beloschenko erinnert sich:

„Als sie die Deutschen verjagt hatten kehrten wir zurück. In den Gruben, in denen wir unser Eigentum versteckt hatten, war nichts mehr. Ein Haus hatten wir nicht, das hatten die Deutschen 1941 niedergebrannt. Die Mutter und wir drei Schwestern gruben uns eine Erdhütte, in der lebten wir bis 1950.“

Wir haben erfahren, was für großen materiellen Verlust unser Bezirk erlitten hat. Hier ist fast alles zerstört worden. Diese materiellen Werte – die Häuser, die Fabriken, die Autos und die Ausrüstung — erlaubten es den Leuten, normal zu leben, wenn auch ohne großen Wohlstand. Jetzt aber hatten sie kein Leben mehr, jetzt überlebten sie nur irgendwie. Das folgende Dokument hat unsere besondere Aufmerksamkeit erregt:

„Von der Sammlung von Saatgut zur Aussaat 1944“. Bei einer Sitzung des Bezirksparteikomitees wurde beschlossen, „aus den persönlichen Vorräten die größtmögliche Menge an Saatgut herauszugeben. Zwei Tage nach der Versammlung wurden der Kollektivwirtschaft (Kolchose, A.d.Ü) 1293 Kilo Weizen und ähnliches Staatgut übergeben“.

Man nahm den hungernden Leuten, die an der Front nicht einmal einen Gemüsegarten anlegen konnten, den Weizen für die Aussaat weg. Wir verstehen, dass das ganze Land schlecht lebte, dass es vielleicht keinen anderen Weg gab, doch das erscheint uns eine besondere Grausamkeit. Alle unsere Zeitzeugen erinnern sich, dass die Leute vor Hunger aufgeschwemmt waren, dass sie starben, dass sie Baumrinde aßen und im Frühjahr jedes Kraut und trotzdem konnten so viele Kilo Weizen eingesammelt und den hungrigen Menschen weggenommen werden.

 

Kurzes Nachwort

Was hat uns diese Arbeit gebracht? Wir haben die Bedeutung unserer Arbeit begriffen: Wenn wir nichts über die Entbehrungen der Menschen während des Krieges erfahren, wenn wir die Gräber unter unseren Füssen und die Leben vergessen, die der Krieg zerstört hat, dann erfahren wir auch nicht den Preis dessen, was in den Jahren nach Kriegsende erreicht wurde.

Wir fühlten uns als Forscher: Wir haben Neues entdeckt, Unbekanntes, Dinge, die die Mächtigen früher zu verstecken versuchten und das gab uns Vertrauen in unsere eigenen Kräfte. Wir haben verstanden: die Wahrheit, wenn sie auch noch so bitter und tragisch ist,  viel wichtiger ist , als irgendwelche Überlegungen persönlicher Art.

Wir können den Sieg jetzt mehr schätzen und vor allem jene Menschen, darunter auch Kinder, die den Krieg durchlitten haben und nicht an ihm zerbrochen sind.
Wir erfuhren über die Gräber unter unserer Siedlung, im wahrsten Sinn des Wortes unter unseren Füssen und dachten über das Problem der Umbettung der Toten nach. Auch wenn wir zugeben, dass das in vielen Fällen wahrscheinlich nicht möglich ist. Es erschütterte uns auch die Zahl von Menschen, die hier umgekommen sind: Soldaten, Zivilisten, Deutsche, Rumänen, Kosaken und andere.

Wir sind auf die Tatsache gestoßen, dass in unserer Siedlung nur sehr wenige die Medaille „für hervorragende Leistungen im Großen  Vaterländischen Krieg“ besitzen. Das hängt damit zusammen, dass die Mächtigen den Menschen nicht trauten, die unter der Besatzung gelebt hatten. Doch diese Menschen und ihr Recht müssen verteidigt werden. Wir sind der Meinung, dass die Kinder des Krieges Vergünstigungen erhalten sollten, nicht nur die, die vor 1931 geboren sind, sondern auch die anderen, die jüngeren, vor allem, wenn sie im Bereich der Front lebten. Das ist eine Kleinlichkeit des Staates gegenüber Menschen, die viel durchgemacht haben und das macht uns wütend, vor allem, wenn wir von den wirtschaftlichen Fortschritten und dem Anwachsen des Budgets hören.
Wir wollten auf diesen Seiten jenen Menschen das Wort erteilen, die niemand jemals gefragt hat, wie sie gelebt haben, deren unbemerkte Heldentaten und Durchhaltekraft weder die Mächtigen noch manchmal sogar ihre eigenen Kinder schätzen. Sie waren doch aber auch Frontkämpfer, wenn sie auch in keiner Liste aufschienen. Der 60e Jahrestag des Sieges, das ist auch ihr Feiertag, auch wenn sie keine Orden anlegen können. Sie haben auch für diesen Sieg gearbeitet, sie haben dafür jenen Preis bezahlt, den der Krieg verlangte. Sie haben de facto mit ihrer Kindheit bezahlt, mit ihrer Gesundheit, mit dem Leben ihrer Nächsten, die in einer schrecklichen Zeit umgekommen sind. Jetzt wissen auch wir das.

auf Russisch

7 декабря 2011
Maxim Stolbovski, Vassilij Chruzki. Im Wartesaal des Todes (Matveev Kurgan zwischen 1941 und 1943)

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