Wissenschaftler, Schriftsteller und engagierte Bürger kommentieren den Wettbewerb
Daniil Granin, Schriftsteller:
Der Wettbewerb konfrontiert die Schüler mit der wichtigen Aufgabe, Alltagsgeschichte zu schreiben. Im Fokus ist das gewöhnliche Leben der Menschen mit allem, was dazu gehört: ihr direkter Alltag, ihre Umgebung, ihr Verhalten, ihre Sprache…
Als wir mit Ales Adamowitsch Das Blockadebuch schrieben und Menschen befragten, fiel uns auf, dass 30 Jahre nach dem Geschehen bereits feste Stereotypen im Umlauf waren. Filme über die Blockade, die die Menschen gesehen, und Bücher, die sie gelesen hatten, waren mit ihren eigenen Erlebnissen zu einer hybriden Vorstellung der Ereignisse verschmolzen. Jugendliche beherrschen noch nicht den komplexen und sensiblen Vorgang, Erinnerungen von dritter Seite von den Erinnerungen derer, die sie befragt haben, zu unterscheiden, sie zu „isolieren“; auch Erwachsenen gelingt das nicht immer. Deshalb wäre es für diejenigen, die sich erinnern, und für die Leser sehr interessant, wenn es Kommentare zu den Arbeiten der Jugendlichen gäbe.
Auch Stereotype und unrichtige Vorstellungen sind historisch begründet und sollten nicht unterschätzt werden. Die Analyse dessen, wie die Propaganda unsere Leben verzerrt hat, ist ebenfalls interessant.
Ein weiterer wichtiger Aspekt in diesen Arbeiten ist das Urteil der nachfolgenden Generation. Man soll nicht denken, dass wir alles abwälzen oder „abschreiben“ könnten oder dass wir alles schon hinreichend zugekleistert hätten; keineswegs. Die Jugendlichen sind strenge und schonungslose Richter über unsere Vergangenheit, unsere Geschichte. Nichts entgeht ihnen.
Auch wenn wir denken, alles sei ja schon vorbei -, nein, wir werden gerichtet werden. Es gibt die These: Die Geschichte lehrt, dass sie nichts lehrt. Das bezieht sich in erster Linie auf unsere Geschichte. Aus unserer gefälschten Geschichte lernt man tatsächlich nichts und kann man nichts lernen. Diese Jugendlichen tun etwas ganz Bedeutendes; sie arbeiten sich vor zu den tatsächlichen Schichten der wirklichen Geschichte. Die wirkliche Geschichte ist in der Lage, viel zu lehren. Vieles, was in der Schule auswendig gelernt wurde, bricht zusammen zugunsten eines Verständnisses für die Schwierigkeiten, die Tragödie und die freudigen Aspekte des damaligen Lebens.
Im Übrigen trete ich immer dafür ein, dass im Gespräch mit Jugendlichen Fragen gestellt und nicht Antworten gegeben werden. Meiner Meinung tun Sie etwas sehr Wichtiges und es sollten unbedingt so viele Menschen wie möglich dies begreifen.
Wladimir Lukin, Menschenrechtsbeauftragter beim Präsidenten der Russischen Föderation:
Die Preisverleihung findet in jedem Jahr genau an diesem ausgesuchten Termin statt, nämlich am Vorabend des Siegestages, und das ist richtig so. Sie ist ein wichtiger Akt, ein Akt der Erinnerung an die Geschichte unseres Landes im vergangenen Jahrhundert. Zum Glück vergangen, auch wenn sie viele bedeutende Menschen hervorgebracht hat. Es ist wunderbar, dass sich hier kluge und engagierte junge Leute zusammenfinden, die noch im 20. Jahrhundert geboren wurden und bereits in einem hoffentlich besseren 21. Jahrhundert leben. Der Dichter Dawid Samoilow hat ein wunderbares Gedicht über sich und seine Zeit geschrieben. Es beginnt so:
Mir wurde das Glück zuteil, ein russischer Dichter zu sein.
Mir wurde die Ehre zuteil, Siege zu erleben.
Mir wurde der Schmerz zuteil,
im 20. Jahrhundert geboren zu werden,
in einem verfluchten Jahr und einem verfluchten Jahrhundert.
Ljudmila Alexejewa, Vorsitzende der Moskauer Helsinki-Gruppe
Wir leben in einem Land, in dem die Geschichte immer wieder umgeschrieben wird. Doch wie verlief das Leben in Wirklichkeit, etwa das unserer Familienmitglieder, auf dem Flecken Erde, wo wir selbst geboren wurden und das unsere Heimat im engeren Sinn ist? Aus Lehrbüchern erfahren wir leider sehr wenig. Doch wenn ihr eure Großmütter und Nachbarn befragt, selbst die Dokumente studiert und euch nicht nur auf das stützt, was in den Lehrbüchern steht, dann werde ihr euer Land kennenlernen. Geschichte ist in Wirklichkeit das, was uns umgibt, jeden Einzelnen von uns. Doch es geht nicht nur darum zu verstehen, wie unsere Nächsten und die Menschen in unserer Umgebung früher lebten. Junge Leute müssen sich entscheiden, wie sie ihr Leben planen wollen, damit es erfolgreich und glücklich wird und ihre Kinder sich nicht für sie schämen müssen. Ich freue mich sehr, dass dies in unserem Land so vielen jungen Menschen nicht gleichgültig ist, dass sie darüber nachdenken; und nicht nur das, sondern dafür Zeit und Kraft einsetzen, mit Engagement, Enthusiasmus und Interesse daran arbeiten. Dies ist das Unterpfand dafür, dass im 21. Jahrhundert das Leben vielleicht gerechter und glücklicher als im 20. und dass dieses Land besser sein wird, weil Ihr darin lebt.
Swetlana Alexijewa, Schriftstellerin
Wir kommen aus einem Land, in dem ein großer Staat die Geschichte war. Wir dagegen waren Sandkörner, waren nicht wichtig, waren so etwas wie der Abfall der Geschichte oder Sand. Und plötzlich fangen wir an zu verstehen, dass wir selbst die Geschichte sind: jeder einzelne von uns, unsere Mutter, unser Vater, unsere Großmutter…und ich, weil auch mein Leben bald enden wird. Dieser Gedanke hat große Bedeutung für uns, denn jetzt beginnt das Zeitalter des einzelnen Menschen, den es so lange bei uns nicht gab. Wir haben vergessen, wie er ist. Und plötzlich taucht er auf und sagt: „Meine Familie – das ist die Geschichte der Entkulakisierung.“
Natürlich sind die Mythen noch stark, zum Beispiel die Mythen des Krieges, die zu den stabilen Grundlagen des alten Systems gehörten. Doch die Jungen haben eine andere Sprache. Sie erzählen bereits kühn von ihren Nächsten und deren Lebenstragödien.
Den größten Eindruck haben auf mich die Arbeiten über die Entkulakisierung gemacht. Dieses Thema haben weder unsere Literatur noch die Geschichtsschreibung ausführlich behandelt. Bekannt sind Ereignisse und Zahlen, nicht aber die Erfahrungen der einzelnen Menschen.
Mir scheint, die hier versammelten Arbeiten würden ein gutes Lehrbuch abgeben, wie Geschichte konzipiert und wie über sie beispielsweise von Schülern geschrieben werden könnte. Es könnte auch Studenten, Journalisten und überhaupt nachdenkenden Menschen etwas geben, wenn diese sich ihr aktives Interesse am realen Leben erhalten haben.
Alexander Archangelski, Publizist, Kulturwissenschaftler
Der Schülerwettbewerb von Memorial ist eine wunderbare Sache. Es geht ihm in erster Linie darum, historisches Bewusstsein und Bewusstseinsbildung zu fördern – eine Aufgabe, die Staat und Gesellschaft gemeinsam lösen müssen. Der Mensch muss sich als Teil der Geschichte begreifen, und er kann diese Geschichte sehr unterschiedlich bewerten. Vor allem sollte er reflektieren und seinen eigenen Standpunkt korrigieren können, indem er sich auf Fakten stützt. Diese Wettbewerbe tragen bedeutend zur allmählichen Herausbildung einer Zivilgesellschaft bei, denn sie bringen Menschen dazu, wichtige Probleme frei zu diskutieren. Für die Teilnehmenden ist der Wettbewerb eine kleine historische Forschung im Rahmen der Schule. Viele werden, nachdem sie ihren Bericht abgeschlossen haben, sich einem anderen Leben, anderen Aufgaben zuwenden. Doch das besagte offene Bewusstsein einzupflanzen, ohne welches wir der Zukunft nicht gerecht werden können, genau diese Aufgabe erfüllt der Wettbewerb.
Alexander Asmolow, korrespondierendes Mitglied der Akademie der Erziehungswissenschaften Russlands
Der Wettbewerb „Der Mensch in der Geschichte“ ist nicht einer von vielen intellektuellen Wettbewerben, in denen historisches Wissen abgefragt wird. Schon seine Fragestellung erfordert von den Schülern eine andere Methode des historischen Wissenserwerbs. Diese wurde bei uns bisher kaum praktiziert, sie geht auf die berühmte französische „Annales“- Schule zurück, die Mentalitätsgeschichte sowie die Geschichte der Persönlichkeits- und Bewusstseinsentwicklung untersuchte, um sich der Ereignisgeschichte auf dem Weg über die Schicksale der Menschen anzunähern.
Die Wettbewerbsteilnehmer lassen sich auf eine höchst spannende Erfahrung ein, um die sie selbst Sherlock Holmes beneiden würde. Meiner Meinung nach verkörpert der Wettbewerb eine neue Linie der Geschichte, die es in unseren Schulen früher nicht gab. Ich möchte nicht der Übertreibung bezichtigt werden und doch nach der Lektüre der Arbeiten unbedingt zur Hyperbel greifen: Diese Arbeiten zeugen nicht nur von geistreichen Einfällen von Jugendlichen, sie zeugen von heranreifenden Persönlichkeiten, die mit dem Wettbewerb ihren Weg in die Selbständigkeit suchen.
Wenn man vom Gedächtnis spricht, so wird dies oft mit der Vergangenheit assoziiert, doch das ist nicht präzise; es ist keine Tür, die in die Vergangenheit geöffnet ist. Die Arbeiten der Schüler schaffen die Verbindung zwischen dem 20. und dem 21. Jahrhundert.
Ljudmila Ulitzkaja, Schriftstellerin
Neben der großen, niedergeschriebenen und dann wieder umgeschriebenen Geschichte existiert die kleine Geschichte der Familie, die man vergessen, aber auch rekonstruieren kann, solange die damaligen Zeugen der näheren Vergangenheit noch leben. Diese „Mikrogeschichte“ zeichnet die Abenteuer der kleinen Sandkörner in einem riesigen Sandberg auf. Doch jedes Sandkorn – jeder einzelne Mensch mit seiner einzigartigen Geschichte – trägt den Stempel seiner Zeit.
Wenn die jungen Leute sich heute mit Dokumenten und Briefen des vergangenen Jahrhunderts beschäftigen, beginnen sie zu verstehen, welche grausamen Dinge ihr Vorfahren erlebten, welchen Mut und welche Standhaftigkeit ihre Großväter in den Schützengräben des grauenhaften Weltkriegs und in den Baracken der Stalinschen Lager aufbrachten, wie unermesslich schwer das Leben ihrer Großmütter war. Dann wird die Entfremdung zwischen den Generationen einem tiefen Verständnis und einer Bewunderung Platz machen. Das Band zwischen den verschiedenen Zeiten wird erneut geknüpft, und darin liegt der tiefere Sinn dieses wunderbaren Projekts.
