Das 20. Jahrhundert aus der Sicht von Jugendlichen
2009 feierte Memorial das zehnjährige Jubiläum des Schülerwettbewerbs “Der Mensch in der Geschichte – Russland im 20. Jahrhundert”. Als wir den Wettbewerb ins Leben riefen, konnte niemand ahnen, dass er sich so lange halten und solche Bedeutung für das Leben unserer Gesellschaft annehmen würde. In den ersten zehn Jahren haben über 60.000 Schüler aus allen Winkeln Russlands an ihm teilgenommen – eine riesige Zahl. Jeder dieser Jugendlichen hat monatelang Dokumente gesammelt, Personen befragt, diese Informationen durchgearbeitet und dann hart gearbeitet, um das gesammelte Material in einer umfangreichen Studie darzulegen. Das Archiv dieser Schülerarbeiten erhält mit jedem Jahr wachsende Bedeutung als Wissensquelle über das Leben unseres Volkes in den vergangenen hundert Jahren; es wird aktiv von Historikern, Schriftstellern und Journalisten genutzt.
Die Gesellschaft in Russland ist gespalten. So kann es vorkommen, dass in einer Schulklasse der Literatur- und der Geschichtslehrer diametral entgegengesetzte Positionen vertreten. Unter solchen Bedingungen kann ein Schüler nur schwer ein in sich konsistentes Weltverständnis entwickeln. Der Wettbewerb schlägt den Schülern vor, Geschichte an Dingen zu untersuchen, die ihnen nahe sind – ihrer Familie, ihrem Stadtteil oder Landkreis, ihrer Straße oder einem Betrieb in der Nachbarschaft – und daraus dann Schlüsse zu ziehen. Die werden sich möglicherweise von dem unterscheiden, was sie im Fernsehen oder auch von ihren Lehrern hören; in jedem Fall verfügen sie jedoch mit dem Wissen, das sie selber erarbeitet haben, über eine solide Grundlage. Wir sind stolz darauf, dass die vielen tausend Jungen und Mädchen, die in diesen Jahren am Wettbewerb von Memorial International teilnahmen, gereifter in ihr Erwachsenenleben hineingegangen sind als die meisten ihrer Altersgenossen.
Auftrag von Memorial ist es, die Erinnerung an die Vergangenheit zu bewahren. Deshalb legen wir unsere Archive an und zeichnen die Erinnerungen von Zeugen der verschiedensten Ereignisse auf. Im Grund machen die Jugendliche in unserem Wettbewerb genau dasselbe.
Sie sammeln und ordnen Familienarchive oder die Archive derer, über die sie schreiben. Diese schwierige und faszinierende Arbeit lehrt einen achtsamen Umgang mit jeglichen Zeugnissen der Vergangenheit, seien sie schriftlich, mündlich oder seien es Gegenstände. Ganz sicher wird kein Dokument, das die Jugendlichen in Händen hielten, verloren gehen. Es wird seinen Platz finden, sei es im Archiv der Familie, in einem staatlichen oder in einem anderen öffentlichen Archiv. De facto hat Memorial in den Verfassern der Wettbewerbsarbeiten zehntausende Gleichgesinnte gewonnen, zumindest in ihrer Haltung zu historischen Zeugnissen und Dokumenten.
Die meisten Arbeiten handeln vom bäuerlichen Russland. Das ist nicht verwunderlich, denn bei vier von fünf heutigen Stadtbewohnern lebten der Urgroßvater und oft auch noch der Großvater auf dem Land. Schreckliche Kriege, die Kollektivierung, die großen und kleinen Bauprojekte des Sozialismus – all dies lag in erster Linie auf den Schultern der Bauern, also Menschen, die in der Regel nichts aufschrieben und die nur selten Tagebücher oder Erinnerungen hinterließen. Indem die Schüler die wenigen noch lebenden Zeugen der Tragödie des sowjetischen Dorfes befragen, erweisen sie der Gesellschaft einen unschätzbaren Dienst; sie bewahren die Geschichte, die ohne sie unwiederbringlich verloren wäre.
Der genaue Blick in die Vergangenheit verändert die Haltung der Schüler zur Gegenwart, zu den Geschehnissen um sie herum, und weckt den Wunsch, selber zu handeln und Dinge zum Besseren zu wenden. Und genau das ist die staatsbürgerliche Haltung, die Memorial bei der jungen Generation mit prägen will – eine der Hauptaufgaben der Organisation.
In den bisherigen Jahren seines Bestehens hat der Wettbewerb viele Freundе und Helfer gefunden. Mit ihm kooperiert eine große Zahl von Lehrern, akademischen Historikern, Bibliothekaren, Museumsleuten und Journalisten. Hervorheben möchten wir die engagierten Lehrerinnen und Lehrer, die ihren Schülern die Liebe zur Geschichte vermitteln und sie ohne Rücksicht auf die eigene zeitliche Belastung bei ihren Untersuchungen unterstützen. Memorial lädt diese Lehrer regelmäßig nach Moskau zu Didaktikseminaren ein, in denen es um Probleme des Geschichtsunterrichts und die Organisation forschenden Lernens in den oberen Klassen der Schule geht.
Sehr große Unterstützung erhält der Wettbewerb von den Koordinatoren in den Regionen, die ihn dort bekannt machen und in einigen Gegenden sogar Beratungszentren eingerichtet haben. Ihren Bemühungen dankt der Wettbewerb seine landesweite Bekanntheit. Aus allen Regionen des Landes werden Arbeiten eingereicht; fast die Hälfte der Teilnehmer kommen aus Dörfern und größeren Siedlungen.
Wettbewerbe wie den von Memorial gibt es in vielen Ländern. 2001 trat “Der Mensch in der Geschichte – Russland im 20. Jahrhundert” dem europäischen Netzwerk für Geschichtswettbewerbe, Eustory, bei. In seinem Rahmen werden gemeinsame Seminare und Sommerschulen für die Sieger veranstaltet. Insonderheit nehmen unsere Gewinner regelmäßig an der internationalen Sommerschule in Berlin teil, die Eustory mit Unterstützung der Körber-Stiftung ausrichtet.
In zehn Jahren hat Memorial elf Sammelbände mit den besten der eingesandten Arbeiten veröffentlicht; der zwölfte ist in Vorbereitung. Diese Bücher sind keineswegs trocken und protokollartig verfasst, sondern interessant und lehrreich geschrieben. Eins von ihnen wurde ins Deutsche, Norwegische und Italienische übersetzt und fand viele Leser und Leserinnen. In Deutschland erschien außerdem eine gemeinsame Sammlung von deutschen und russischen Schülerarbeiten, für einen weiteren Sammelband wurden die besten Arbeiten aus allen Jahren in deutscher Übersetzung zusammengestellt.
Alles Lebendige muss sich weiterentwickeln. Da verschiedene technische Medien inzwischen für viele Familien erschwinglich sind, schlagen wir weitere Genres für den Wettbewerb vor, etwa den besten Videofilm. Mittlerweile hat der Wettbewerb ein eigenes Internetportal unter dem Namen “Lehren aus der Geschichte” (Uroki istorii). Wir hoffen, dass es sich zu einer Art Klub für alle an der Geschichte interessierten Schüler und Schülerinnen wie auch für ihre Lehrer wird.
