Всё о культуре исторической памяти в России и за рубежом

Человек в истории.
Россия — ХХ век

«Историческое сознание и гражданская ответственность — это две стороны одной медали, имя которой – гражданское самосознание, охватывающее прошлое и настоящее, связывающее их в единое целое». Арсений Рогинский
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28 октября 2011

Lew Gudkow (Levada-Zentrum). Wir sind nicht seine Brüder und Schwestern. Und er ist nicht unser Vater

Lew Gudkow, Levada-Zentrum. Foto Quelle: zhukvesti.ru

Eine aufsehenerregende Untersuchung: Es ist eine Lüge, dass die Menschen in Russland Stalin lieben. Dieses Gefühl wird ihnen suggeriert. Im Februar 2011 legte der beim Präsidenten angesiedelte Rat für die Entwicklung der Zivilgesellschaft und für Menschenrechte Präsident Medwedew ein Dokument vor, dessen Titel lautet: “Zur Bewahrung des Andenkens an die Opfer des totalitären Regimes und zur nationalen Versöhnung”. Veröffentlicht wurde der Text auf der Internet-Seite des Rates und der Gesellschaft “Memorial” sowie später auf der Seite von “Rossijskaja gaseta”;  inoffiziell hat sich der Name “Programm zur Entstalinisierung” durchgesetzt.

Die kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte ist die wichtigste Vorbedingung für die Überwindung der totalitären Vergangenheit. Dieses schmerzhafte Verfahren der Rationalisierung der eigenen Geschichte haben sowohl Deutschland als auch Italien durchgemacht. Das spiegelt sich in ihrer Verfassung in Paragrafen, die den Bruch mit der totalitären Vergangenheit festschreiben. In anderen Ländern, beispielsweise in Spanien, ist dieser Prozess noch im Gange.

Die Selbstanalyse der Gesellschaft und die Klärung der Faktoren und Ursachen, die zu den totalitären Regimen führten, stellen die wichigste Voraussetzung für die Entwicklung in diesen Ländern dar, auch für den ökonomischen Wohlstand und die Schaffung moderner Institutionen. Russland bildet da keine Ausnahme, früher oder später muss diese Aufgabe angegangen werden.

Dabei ist klar, dass der Versuch der Selbstanalyse immer auf schärfsten Widerstand trifft. Denn diese ruft nicht nur traumatische Erinnerungen oder ein Entsetzen angesichts der Einsicht in den moralischen Abstieg der Gesellschaft hervor, die nicht imstande war, dem Terror oder den massenhaften Repressionen Widerstand zu leisten. Sie berührt auch durchaus konkrete Interessen der Staatsmacht, die gern jegliche Versuche der Gesellschaft verbieten würde, die Frage nach der Verantwortung der Führung des Landes für die von ihr begangenen Verbrechen aufzuwerfen.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Vorschläge der Menschenrechtler und einiger Politologen wütenden Widerstand bei den Ideologen der Partei der Macht (“Einiges Russland”), der Kommunisten und der Nationalisten hervorriefen. Angesichts des gerade eröffneten Wahlkampfes in Russland wird ein solches politisches Programm von den Staatsbewahrern verschiedener Couleur als Basis für eine radikale Veränderung der staatlichen Politik angesehen. Das Programm der Menschenrechtler wurde von ihnen als Provokation begriffen, die “Zwietracht und den Zerfall der Gesellschaft” zum Ziel hat, die herrschende Klasse und die Partei “Einiges Russland” spalten und die Vorstellung durchsetzen will, dass “ganz Russland ein großes Katyn” ist.

Wie der den Kommunisten nahestehende Historiker M.F. Lomakow schrieb, hat “die Stalin’sche Führung die Mentalität des russischen Volkes berücksichtigt, während das Regime der Liberalen wie ein fremdes Gewebe abgestoßen wird”. Er bezeichnete die Medwedew’sche “Modernisierung” als “Utopie” und “die Sowjetzeit, vor allem die Epoche Stalins, als zumindest romantische, wenn auch nicht ideale Zeit, als Zeit der Errungenschaften an der Arbeits- und der militärischen Front, verglichen mit dem, was in den letzten 20 Jahren geschehen ist. Und das Symbol dieser Zeit ist nun einmal Josif Stalin”. Wie viele andere Publizisten und Kremlpolitologen unterstellt er, die “Liberalen wollen Stalin auslöschen, weil sie begreifen, dass es heute — angesichts der vollständigen Unterwerfung unter den Westen — in der Gesellschaft den Ruf nach einer Persönlichkeit wie Stalin gibt.”

Dieses Motiv der Gefahr, dass der Westen Russland die “Demokratie” aufzwingen wolle, um das Land zu seiner Rohstoffkolonie zu machen, wiederholen auch Putin und die Kremlpropagandisten. Deren Argumente kommen bei einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung des Landes sehr wohl an, denn sie sind ja bekannt; sie entsprechen den Stereotypen aus der Zeit des Kalten Kriegs sowie dem Geist einer sich isolierenden Gesellschaft, die sich in abgeschwächter Form bis heute erhalten haben.

Das gesamte Putin’sche Jahrzehnt über hat eine leise, doch sehr konsequente Rehabilitierung Stalins stattgefunden, und das heißt, eine Rechtfertigung der Staatswillkür und der massenhaften Repressionen, eine  Legitimierung von Mittelmäßigkeit, Amoralität und Unfähigkeit in der Politik. Dabei geht es nicht um den historischen Stalin oder wissenschaftliche und öffentliche Diskussionen um seine Bedeutung für das totalitäre Sowjetsystem. Stalin ist im heutigen Russland das wichtigste Element der politischen Mythologie, das sowohl von der Staatsmacht zur Legitimierung des Putin’schen Systems als auch von den Kritikern Putins verwendet wird, von den Kommunisten genauso wie von den Liberalen, also von genau entgegengesetzten Positionen her.  

In der letzten Zeit haben sich auch “Soziologen” in den Kampf gegen die Entstalinisierung eingeschaltet. Sie führen an, das Volk sei gegen eine solche Politik; es wolle sich im ganzen genommen nicht in eine “künstliche” Kampagne gegen Stalin einbinden lassen, weil es ihn als Symbol seines Sieges im Zweiten Weltkrieg oder unserer Erfolge in der Industrialisierung des Landes usw. ansehe. Wir haben hier es mit einer gewaltigen Fälschung der Daten zur öffentlichen Meinung und ihrer Interpretation zu tun.

Das Levada-Zentrum hat immer wieder seine Untersuchungsergebnisse zu den Themen “Stalin und der Krieg” sowie “Stalin und die massenhaften Repressionen” veröffentlicht. Die ergeben ein ganz anderes Bild.

Unabhängig vom Mangel an Information, von der Zensur und vom vornehmlichen Schweigen der akademischen Wissenschaft zu diesen Themen hat sich in der öffentlichen Meinung eine ganz bestimmte Vorstellung von der Epoche Stalins als einer Zeit von schärftsten Repressionen und von Gewaltanwendung gegen die Gesellschaft erhalten. 70-72 % der Befragten (2007 und 2011) in Russland halten die Repressionen unter Stalin für “ein politisches Verbrechen, für das es keine Rechtfertigung gibt”.

Bei einer veränderten Fragestellung waren die Antworten etwas anders verteilt, was jedoch am Kern nichts änderte. Auf die Frage “Wer wurde nach Ihrer Meinung in den Jahren 1937-38 Opfer von Repressionen?” antworteten 2011 lediglich 11 %: “wer offen oder verborgen gegen die Sowjetmacht war”; 8 %: “die überzeugtesten Anhänger der Sowjetmacht”; 23 %: “die fähigsten Menschen mit der größten Autorität”; doch eine relative Mehrheit von 48 % entschied sich für: “alle ganz wahllos, aus Willkür oder weil sie denunziert wurden”. Mit anderen Worten: Die Verbrechen der Sowjetmacht betrafen nach Meinung eines größeren Teils der Bevölkerung gerade das ganze Volk und nicht irgend eine einzelne Gruppe.

Wichtig ist außerdem, das im öffentlichen Bewusstsein nicht nur die als Repressionsopfer angesehen werden, die es in den Jahren des Großen Terrors traf; Repressionen werden wesentlich breiter verstanden und umfassen auch die Kriegsgefangenen, die Opfer der Entkulakisierung, die zwangsumgesiedelten Heimatvertriebenen und die Familienmitglieder der Repressierten.

Deshalb ist die Frage “Brauchen wir ein ‘Entstalinisierungsprogramm’?” für die meisten Menschen in Russland keine Frage. Ausnahmslos alle Punkte des Programms werden von der Gesellschaft des Landes als unerlässlich angesehen und das Programm selbst als längst überfällig.

 

Tabellen:

Tabelle I

Waren die Opfer, die das sowjetische Volk in der Stalinzeit gebracht hat, durch die hehren Ziele und die in kürzesten Fristen erreichten Ergebnisse gerechtfertigt?

 

Otober 2008

August 2010

April 2011

Unbedingt

3

5

4

In gewissser Weise ja

24

29

26

Nein, es gibt keinerlei Rechtfertigung

60

58

61

Weiß nicht

13

9

10

N=1600, in % der Anzahl der Befragten

 

Wer muss nach Ihrer Ansicht zu den Opfern der Stalin’schen Repressionen gerechnet werden? (April 2011)

Alle, die nach politischen Strafparagrafen verurteilt wurden

71

dazu gehören: Nur die, die aus diesen Gründen erschossen wurden

 

9

Wer dafür verurteilt wurde, dass er im Krieg in Gefangenschaft geraten war

45

Familienmitglieder von politisch Verurteilten, die aus der Heimat verbannt wurden, ihre Arbeit verloren oder deren Bürgerrechten beschnitten wurden

42

Die Opfer der Entkulakisierung

38

Wer unter Verletzung der üblichen Strafverfahrensordnung verurteilt wurde (von sogenannten “Troikas” oder im Schnellverfahren)

36

Zwangsumgesiedelte (darunter die verfolgten Völker)

29

Wer für Verletzung der Arbeitsdisziplin verurteilt wurde (u.a. verspäteter Arbeitsantritt um mehr als 20 Min.)

25

Familienmitglieder von Verurteilten, auch wenn ihre Rechte nicht beschnitten wurden

10

Weiß nicht

11

N=1600, in % der Anzahl der Befragten

 

Tabelle 3

Würden Sie persönlich unterstützen oder nicht…..

 

Ja

Nein

Weiß nicht

Die Bewahrung des Gedenkens an die Repressionsopfer (Gedenkbücher für Opfer des totalitären Regimes, die Aufstellung von Denkmälern in allen großen Städten und an den Orten, wo Menschen umkamen)?

70

19

11

Soziale Unterstützung für noch überlebende Repressionsopfer?

78

12

10

Eine politische und rechtliche Bewertung der massenhaften Repressionen seitens des Staates?

64

14

22

Die Öffnung der Archive zu den massenhaften Repressionen?

68

18

14

Den rechtlichen Rehabilitierungsprozess von Bürgern, die in verschiedenen Perioden der Sowjetzeit aus politischen Motiven verurteilt wurden, zu Ende führen?

72

13

15

Eine gesetzliche verfügte Aufhebung der Benennung von Ortschaften, Straßen und Plätzen nach Personen, die für massenhafte Repressionen verantwortlich waren?

53

25

22

N=1600, 13.-16.Mai 2011, in % der Anzahl der Befragten

Quelle: Nowaja gaseta Nr. 54, 23. Mai 2011

28 октября 2011
Lew Gudkow (Levada-Zentrum). Wir sind nicht seine Brüder und Schwestern. Und er ist nicht unser Vater

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